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Km 20 / Halbzeit: Entlang der Surrey Quays wuchsen die Zuschauermengen mit jedem Meter und nach einer scharfen Rechtskurve ging es dann über die Tower Bridge. Es ist für jeden Läufer sicherlich ein unvergessliches Erlebnis, unter dem Beifall tausender begeisterter Zuschauer hier die Themse zu überqueren. Gleichzeitig stellt sich bei vielen eine gewisse Erleichterung ein, da die Hälfte der Strecke nun geschafft ist. Die Zwischenzeiten von 1:16 h und 1:21 h bei km 20 und dem Halbmarathon zeigten mir, dass bisher alles im „grünen Bereich“ war.
Auf der nördlichen Flussseite bogen wir dann auf den Highway ein. Hier verläuft der Hin- und Rückweg zur Isle of Dogs für eine Meile parallel, was den Läufern die Möglichkeit gibt, einen Blick auf die übrigen Athleten zu werfen. So konnte ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Eliteläuferinnen Chepkemei und Okayo vorbeirauschen sehen.
Aufgrund der Streckenänderung zur Vermeidung des Kopfsteinpflasters am Tower Pier vollzog sich die Ostschleife durch die Docklands erstmals gegen den Uhrzeigersinn. Es war schon ein ungewohntes Gefühl, den Kurs, den ich bereits so oft gelaufen war, nun von der anderen Seite zu erleben. Der Wind frischte auf diesem Streckenabschnitt deutlich auf, sodass es spürbar leichter war, im Windschatten einer Gruppe zu laufen.
Km 30: Bei der Canary Wharf kam schließlich die 30 km-Marke in Sicht. 2:00 h zeigte die Uhr. Soweit, so gut. Jetzt galt es nur noch, die übrigen Kilometer in einem Schnitt von 4 min/km abzuspulen um das Rennen nahe der Bestzeit zu beenden. Doch mit dem Passieren der Chip-Matte stellt sich bei mir plötzllich ein beklemmendes Gefühl in der Leistengegend ein. Normalerweise kein Grund zur Besorgnis, denn mit dem Magen hatte ich bisher noch nie Probleme. Aber ein Marathon ist immer für Überraschungen gut und so weiteten sich die Verspannungen mit jedem Schritt zu regelrechten Krämpfen aus.
Um den Schaden einzudämmen, verlangsamte ich das Tempo bis zur nächsten Verpflegungsstation. Dort kühlte ich die schmerzenden Stellen mit Wasser. Von lockerem Laufen, geschweige denn einem Angriff auf meine Bestzeit von 2:47 h, konnte jetzt jedoch keine Rede mehr sein. Ich versuchte trotzdem fokussiert zu bleiben. Zum Glück machten sich bis dato keine Ermüdungserscheinungen bemerkbar und die von vielen gefürchtete „Mauer“ blieb aus.
Ablenkung von meiner misslichen Situation hatte ich genug. Obwohl die Stimmung in den letzten Jahren immer Weltklasse war, hatten dieses Mal besonders viele, nach Schätzungen um die 750.000 Zuschauer, den Weg an die Strecke gefunden. Diese erfreuten sich vor allem an den kostümierten Spaßläufer, die mit viel britischem Humor zur allgemeinen Erheiterung beitrugen. In diesem Jahr waren neben den schon legendären Nashörnern vor allem Phantasy-Helden angesagt. So waren unter anderem die komplette Star Wars Crew, Batman & Robin sowie Superman unterwegs. Ich genoss die Stimmung so gut es ging und feuerte die Zuschauer an, selbst ihr Bestes zu geben. Am Tower of London wurden der Beifall und die Anfeuerungen dann fast ohrenbetäubend laut. Umso angenehmer empfand ich es, als wir für einige Minuten im Blackfriars-Tunnel verschwanden.
Das abschließende Streckenstück entlang Victoria Embankment war reine Geduldssache. Ich nenne es die „6 Brücken“, da man sich an der Anzahl der Brücken bis zum Big Ben gut orientieren kann. Die Straße war hier auch wieder sehr breit, sodass man problemlos überholen konnte, sofern man noch Kraft dazu hatte.
Km 40 / Ziel: Die Zeiger von Big Ben standen auf 12:30 Uhr als ich rechts in Birdcage Walk einbog. Bei genauem Hinsehen konnte ich von hier aus bereits den Zielbereich quer durch St. James’s Park sehen. Eine letzte Kurve bei Buckingham Palace und ich bog auf die Zielgerade ein. Mit The Mall hat der London Marathon das wohl exklusivste Finish überhaupt. Die Zeitangabe in Sichtweite, zog ich das Tempo noch einmal an und lief bei 2:56 h über die Ziellinie. Geschafft, 10 Mal in Folge!
 Ulf Bosch beim X. London Marathon - zum 10. Mal in Folge.
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